Albert Newen: “Philosophie des Geistes – Eine Einführung”

Gesendet im DeutschlandRadio Kultur, Januar 2014

Philosophie des GeistesAlbert Newen: “Philosophie des Geistes – Eine Einführung”, C.H.Beck Verlag, München 2013, 144 Seiten, 8,95 Euro

Sitzt der menschliche Geist im Gehirn, hervorgebracht vom Neuronenfeuer? Oder gibt es neben Fleisch und Blut, Kilos und Litern, eine gesonderte Welt der Gefühle und Gedanken? Bringt das Gehirn auch das Bewusstsein hervor? Wie soll man sich den freien Willen vorstellen, wenn die Nervenbahnen alles menschliche Handeln entscheiden, wie die Hirnforschung sagt?

Der Bochumer Philosophieprofessor Albert Newen ist Experte für die “Philosophie des Geistes”. Nun legt er eine gleichnamige Einführung in das Thema vor, die es auf nur 144 Seiten schafft, die wichtigsten philosophischen Theorien zu diesen Fragen aufzufächern, die Stichhaltigkeit der vielen Argumente unter die Lupe zu nehmen und schließlich auch die eigene, naturalistische Position im besten Licht zu präsentieren.

Dass die Leib-Seele-Problematik bis heute als philosophisch ungelöst gelten muss, führt das Buch schon nach wenigen Seiten vor Augen. Im Alltag trägt uns eine starke Intuition: Ein Pfund Tomaten, der Körper des Menschen und das Sonnensystem gehören ins Reich des Materiellen. Zur geistigen Sphäre zählen Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen.
Wie aus der elektrischen Aktivität der Neuronen Gefühle und Gedanken werden, ist ungeklärt

Die Philosophie ist sich nicht so sicher, wie sich das Geistige definieren lässt, erklärt der Autor. Intentional und gerichtet sei es, sagte im 19. Jahrhundert der deutsche Philosoph Franz Brentano. Doch wie steht es mit Müdigkeit oder Langeweile? Sie sind weder gerichtet noch beabsichtigen wir sie. Alles Geistige hat Bewusstsein, definierte René Descartes. Doch spätestens seit Sigmund Freud ist klar, wie umfassend menschliches Empfinden von unbewussten Impulsen gesteuert wird.

Dennoch müssten nur dualistische Konzepte vor der Leib-Seele-Problematik kapitulieren, unterstreicht Albert Newen. Sie könnten prinzipiell nicht erklären, wie ein “reiner Geist” auf die Welt des Materiellen einwirken soll. Hirnforschung und Kognitionswissenschaften hingegen könnten jetzt schon demonstrieren, auf welche Weise es dem Gehirn gelinge, Inhalte aufzunehmen und zu speichern.

Für diese Position spielt allerdings der problematische Begriff der “Repräsentation” geistiger Inhalte im Gehirn eine große Rolle. Wie ein deus ex machina springt die Repräsentation auch bei Albert Newen stets herbei, um Phänomene aneinander zu kleben, die wir gemeinhin als mental oder als physisch einsortieren. Das Zauberwort der Repräsentation ist auch in der Hirnforschung beliebt – als wäre damit in irgendeiner Weise der fundamentale Unterschied überbrückt zwischen der elektrischen Aktivität von Neuronen und dem Inhalt eines Gefühls oder Gedanken.

Auch eine prinzipielle Skepsis, ob die Leib-Seele-Problematik nicht vielleicht den Besonderheiten abendländischer Denktraditionen entspringt und in deren Rahmen darum gerade nicht zu lösen ist, liegt dem Buch fern. Dabei könnte der Autor als Wittgenstein-Experte dafür aufgeschlossen sein. Albert Newens Buch bleibt dennoch eine lohnende Lektüre für alle, die einführend am Thema interessiert sind – seine vielen Brüche und unbeantworteten Fragen zeigen lediglich, wie diskussionswürdig und offen die Philosophie des Geistes bleibt.