Alfred Edmund Brehm: “Brehms Thierleben”

Gesendet im DeutschlandRadio Kultur, Juli 2013

Brehms ThierlebenAlfred Edmund Brehm: Brehms Thierleben. Eine Auswahl der schönsten Texte und Illustrationen, Meyers Verlag, Mannheim 2013, 160 Seiten, 29,99 Euro

“Schlangenartig belauert und beschleicht er seine Beute, stürzt dann pfeilschnell auf dieselbe los und haut die Krallen mit solcher Kraft in den Nacken ein, daß selbst ein starkes Thier sofort zu Boden stürzt.”

Wer sollte so kraftvoll kämpfen und töten, wenn nicht der Königstiger? Und wer sollte den Königstiger so poetisch und hemmungslos anthropozentrisch beschreiben, wenn nicht Alfred Brehm, der deutsche Zoologe des 19. Jahrhunderts? Seinen Bestseller und Evergreen “Brehms Tierleben” hat der Meyers Verlag nun in Auszügen wieder herausgebracht, auf feinem Papier und im großen Format.

Schimpanse und Kragenbär sind dabei, Fischadler und Flugdrache, Kreuzotter, Lungenschnecke und vier Dutzend weitere Kreaturen quer durchs Tierreich. Die Texte werden flankiert von ganzseitigen, bildschönen Illustrationen. Sie stammen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt und zierten schon die kolorierte zweite Ausgabe des “Tierlebens”.

Weltreisender und begabter Schriftsteller

Da schwebt sie mit bleichen Flügeln aus dunstigen Wassern empor in einen gelben Himmel: Ephemera vulgata, die gemeine Eintagsfliege. Bildern wie Texten entströmt eine Feinfühligkeit, die der heutigen Naturbetrachtung fremd geworden ist: “Wie verklärte Geister steigen sie auf und nieder ohne sichtliche Bewegung ihrer glitzernden Flügel”, notiert Alfred Brehm, immerhin gestandener Leiter des Hamburger zoologischen Gartens und Gründer des Berliner Aquariums, aber eben auch Weltreisender und einer der begabtesten Schriftsteller unter den Biologen.

“Lust und Wonne trinken sie in den wenigen Stunden, welche zwischen ihrem Erscheinen und Verschwinden, ihrem Leben und Sterben liegen.”

Auf einer anderen Seite ducken sich Rebhuhn-Küken ins Gebüsch, Wind fegt über die Landschaft. Wachsam hält das Muttertier im schlichten braunen Federkleid nach Gefahren Ausschau, ein menschliches Empfinden und Verstehen ruht in ihrem Blick. Klug und verständig sei das Rebhuhn, weiß Alfred Brehm zu erzählen, vorsichtig und scheu. Vor allem aber sei ihm eine “aufopferungsfähige Zärtlichkeit” zu eigen – vor allem, das 19. Jahrhundert wird es zu schätzen gewusst haben, für die eigene Familie.

Elegant wandeln zwischen wissenschaftlicher Exaktheit und Literatur

Nur eine Kostprobe des Brehm’schen Schaffens präsentiert das Buch, stark gekürzt, wobei die vielen Auslassungszeichen mit großen eckigen Klammern leider unschön ins Auge springen. Alfred Brehm ficht das nicht an: Elegant wandelt er zwischen naturwissenschaftlicher Exaktheit und Literatur und reibt sich vor Staunen die Augen über all die Andersartigkeit fremder Kontinente:

“Die Girafe erscheint gleichsam als aus den Bestandtheilen verschiedener Thierleiber zusammengesetzt. Der Kopf und der Leib scheinen vom Pferde, der Hals und die Schultern vom Kamele, die Ohren vom Rinde, der Schwanz vom Esel.”

Wehmut steigt auf beim Lesen solcher Zeilen: Nur 150 Jahre ist das her? Vom andersartigen Leben ließ das Abendland nicht viel übrig. “Sein Leib ist sehr wohlgebildet, der Kopf mittelgroß und zierlich; die Ohren sind kurz, die Beine kräftig.” Diesen Anblick gibt es nicht mehr. Das Quagga, eine Art Zebra ohne Streifen, starb längst im Kugelhagel weißer Safari-Jäger.

Besprochen von Susanne Billig