Feature: “Des Wesens Kern – Über den Mythos der Persönlichkeit”

Ein Feature von Susanne Billig und Petra Geist

Gesendet im Deutschlandfunk, August 2013

Über den Mythos der Persönlichkeit

Wie stabil, wie veränderlich ist die menschliche Persönlichkeit? Seit der Antike treibt diese Frage Ärzte und Philosophen um. Sind Charakter und Wesen eines Menschen schon bei der Geburt festgelegt, prägen Umstände oder genetische Ausstattung unwiderruflich? Oder gibt es Spielraum für Anpassung, Neuorientierung, Weiterentwicklung?

Breit angelegte Studien zeigen: Der Mensch ist wandlungsfähiger, als bisher angenommen – sogar bis ins höhere Alter. Nun machen sich Forscher auf die Suche nach den Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass ein Mensch sich innerlich neu ausrichtet oder in seinen Gewohnheiten verharrt.

Die große Frage aber lautet: Gibt es überhaupt so etwas wie eine feste Persönlichkeit – oder löst sich “des Wesens Kern” bei näherer Betrachtung weitgehend auf?

 

Manuskript zur Sendung

Das Wiedersehen
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: “Sie haben sich gar nicht verändert.” “Oh!” sagte Herr K. und erbleichte.

Was macht das Wesen eines Menschen aus? Wie entsteht diese ganz persönliche Mischung aus Schüchternheit und Charme, Egoismus und Großzügigkeit, Leichtsinn und Sorgfalt, die so typisch ist für einen Menschen?

Die Frage nach der Persönlichkeit trieb schon die antiken Denker um. Eines der ältesten bekannten Modelle stammt von dem Arzt Hippokrates, 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Er teilte die Menschen in vier “Temperamente” ein: die lebhaften Sanguiniker, die trägen Phlegmatiker, die aufbrausenden Choleriker und die nach innen gekehrten Melancholiker. Und wenn der Mensch ganz anders ist? Wenn sich da drinnen fremdartige Welten verbergen, Abgründe und erschreckende Begierden? So sah es im 19. Jahrhundert Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse. Tief unten im “Es” rumoren die unbewussten Triebe und Impulse. Im “Über-Ich” stemmen sich die Werte und Normen der Gesellschaft dagegen. Und das “Ich” muss ausbalancieren, Entscheidungen treffen.

Mühsal der Besten
“Woran arbeiten Sie?” wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: “Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.”

Heute vermessen die meisten Psychologen die Persönlichkeit anhand der so genannten “Big Five”. Sie liefern der Forschung ein Koordinatensystem, mit dem sich die Persönlichkeit in fünf Dimensionen vermessen lässt: Wie gesellig oder ungesellig ist ein Mensch? Wie offen oder verschlossen für neue Erfahrungen? Zeigt er sich sozial verträglich oder eher unverträglich? Emotional eher stabil oder eher neurotisch? Und fünftens schließlich: Wie steht es um seine Gewissenhaftigkeit? Wie oft in der Forschung gibt es auch konkurrierende Modelle, die sehr viel mehr oder aber nur zwei oder drei Kategorien unterscheiden. Die “Big Five” aber haben sich durchgesetzt – als Kompromiss, um eine gemeinsame Sprache unter Forschern zu etablieren. Geselligkeit, Offenheit, soziale Verträglichkeit, emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit – ist sie damit dingfest gemacht, “die” Persönlichkeit des Menschen?

“Ob man Persönlichkeit selbst verändern oder steuern kann, das ist gerade so die vorderste Front der Wissenschaft. Also: Können wir Interventionen konstruieren, die Persönlichkeit gezielt zu verändern? Kann ich selbst die Persönlichkeit steuern? Oder sind wir eben gefangen in unserer Stabilität, in unseren Verhaltensmustern? Das ist gerade so die heiße, brennende Frage.”

Eine Frage mit Folgen für den Alltag, meint Jaap Denissen, Professor für Entwicklungspsychologie an der niederländischen Universität Tilburg. Ein Beispiel: Eine Firma sucht neue Mitarbeiter – teamfähig, konfliktfreudig und sozial kompetent. Die eher stille Frau auf Job-Suche zögert. Kann ihr geholfen werden? Oder: Ein Kind wächst mit überbehütenden Eltern auf, die jede Abenteuerlust unterbinden. Wird es zeitlebens vor neuen Erfahrungen zurückschrecken? Dahinter steht eine grundlegende Frage: Sind wir Spielball unserer Gene und frühesten Prägungen – oder gibt es Spielräume? Genau das treibt die aktuelle Persönlichkeitspsychologie um.

“Wie hoch ist denn das Ausmaß der Stabilität? Gibt es mehr oder weniger stabile Merkmale? Wie ist es denn mit den großen Zeiträumen, über zehn Jahre, zwanzig Jahre hinweg? Können wir zum Beispiel aus der Kindheit die frühe Erwachsenenpersönlichkeit vorhersagen oder aus der frühen Erwachsenenpersönlichkeit die Persönlichkeit im Rentenalter?”

Forscher wie Jens Asendorpf, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, wollen nicht spekulieren, wie Sigmund Freud, der postulierte, dass nur die Kindheit den Menschen prägt – Ende der Persönlichkeitsentwicklung. Oder wie viele Psychologen in den 1970er Jahren, die den Menschen für unendlich formbar hielten. Heute geht es um breit angelegte Studien, um exakte Daten.

Erfolg
Herr K. sah eine Schauspielerin vorbeigehen und sagte: “Sie ist schön.” Sein Begleiter sagte: “Sie hat neulich Erfolg gehabt, weil sie schön ist.” Herr K. ärgerte sich und sagte: “Sie ist schön, weil sie Erfolg gehabt hat.”

Methodisch ist die Erforschung lebenslanger Persönlichkeitsveränderungen äußerst anspruchsvoll. Im Idealfall müssen Psychologen dafür Tausende von Versuchsteilnehmern in ihren vielfältigsten Eigenschaften von der Geburt bis zum Lebensende immer wieder untersuchen. Im Jahr 2000 publizierten die US-Forscher Wendy DelVecchio und Brent Roberts das Ergebnis einer Mammut-Arbeit: Sie hatten 152 Längsschnittstudien unter die Lupe genommen und mit Hilfe komplexer statistischer Verfahren vergleichbar gemacht. Ihre Metaanalyse öffnete den Blick auf mehr als 35.000 Versuchspersonen. Die Publikation gilt als Meilenstein der psychologischen Forschung. Erstmals ließ sich belegen, dass selbst Vierzigjährige sich noch immer verändern können – in fast allen Merkmalen ihrer Persönlichkeit mit Ausnahme der Intelligenz. Erst mit etwa 50 Jahren erhält das Wesen eines Menschen seine endgültige Form – und auch das nur, wenn keine außergewöhnlichen Ereignisse eintreten. Werner Greve, Professor für Psychologie an der Universität Hildesheim:

“Der zentrale Befund der letzten zehn Jahre in der Altersforschung heißt Plastizität. Wir sind bildbar. Das wird ein bisschen schwieriger und braucht ein bisschen Hartnäckigkeit. Wenn man diesen Trampelpfad verlassen will, wenn er schon sehr eingelatscht ist, braucht es halt einen besonders starken Grund. Aber wenn der stark ist, dann verlassen wir ihn auch.”

Was genau schiebt einen Menschen in Richtung Transformation? Und was genau hält ihn innerlich fest? Der niederländische Psychologe Jaap Denissen möchte wie mit einem Mikroskop in die feinen Prozesse hineinschauen, die sich hinter Persönlichkeitsveränderungen verbergen, zum Beispiel wenn ein Mensch aufhört zu feiern und sich unter Leute zu mischen.

“Es gibt ja keine unsichtbare Eigenschaft Extraversion, sondern man muss wirklich genauer hinschauen. Ich stelle fest: Leute gehen immer weniger gern auf Partys, da kann das ein Entwicklungseffekt sein, dass die Extraversion abnimmt. Es kann aber auch sein, dass ältere Menschen einfach generell nicht mehr so gerne auf Partys gehen, weil sie andere Sachen zu tun haben, weil sie die Kinder haben. Und deshalb haben wir ein neues Instrument damit rein gebracht, welches die motivationale Grundlage der Big Five erfasst.”

In seiner jüngsten Studie konnte Jaap Denissen feststellen, dass die Big Five der Persönlichkeit tatsächlich von Lust und Unlust gesteuert werden.

“Leute gehen weniger gerne auf Partys, weil die Motivation dazu abnimmt. Oder Leute verhalten sich verträglicher, in Beziehung zu anderen Menschen, weil das Harmoniebedürfnis in ihnen wächst. Also die motivationale Veränderung geht quasi der deskriptiven Veränderung voraus.”

Doch hinter Lust und Unlust verbergen sich weitere Faktoren. Denissen

“Freundlich zu sein, auch in konfliktiösen Beziehungen, wird vielleicht bedingt, dass man aus seiner Lebenserfahrung heraus gelernt hat, dass Beziehungen sich lohnen, dass man da am Ende auch etwas zurückbekommt und dass sie stabil sind. Und das könnte so zum Beispiel eine Lernerfahrung sein, die primär ist – motivationale Veränderung würde danach kommen, und am Ende verändert sich möglicherweise auch die Persönlichkeit.”

Die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland heißt “Sozioökonomisches Panel”. 600 Interviewer befragen jährlich mehr als zwanzigtausend Erwachsene, von der jungen Studentin bis zum hochbetagten Mann. Der Datenberg dieser Studie ist die wissenschaftliche Heimat von Jule Specht, Juniorprofessorin für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Auch sie interessiert sich für Persönlichkeitsveränderungen, genauer: für den Einfluss von Lebensereignissen – und zwar über das gesamte Erwachsenenalter hinweg.

“Im Jahr 2005 haben alle ihre Persönlichkeit berichtet. Dann sind bestimmte Ereignisse aufgetreten, also dass sie geheiratet haben oder dass sie ihren ersten Job angenommen haben, und dann gab es vier Jahre später – 2009 – die zweite Messung der Persönlichkeit. Das heißt, wir hatten Informationen zu der Persönlichkeit von Personen, bevor die überhaupt wussten, dass sie später ein Lebensereignis erleben werden. Und wie verändern sie sich dann im Vergleich zu denen, die dieses Ereignis nicht erleben?”

2011 publizierten Jule Specht, Stefan Schmukle und Boris Egloff die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Forschung. Erstmals konnten sie Fragen beantworten wie: Wie genau verändert sich die Persönlichkeit, wenn ein Mensch in den Beruf eintritt? Oder heiratet? Oder ein Kind bekommt? Oder wenn ein naher Angehöriger stirbt? Wie zu erwarten lautete das Fazit: Ja – einschneidende Erfahrungen formen die Persönlichkeit des Menschen um.

“Um das mal ein bisschen plastischer zu machen: Wir haben herausgefunden, dass Personen relativ wenig gewissenhaft sind, bevor sie ins Berufsleben einsteigen, dann sehr stark in ihrer Gewissenhaftigkeit ansteigen, wenn sie den ersten Beruf annehmen, dann eine relativ hohe Gewissenhaftigkeit im mittleren Erwachsenenalter haben. Und dann, im hohen Alter, wenn sie wieder in die Rente übergehen, wieder in ihrer Gewissenhaftigkeit sinken.”

“Dolce-Vita-Effekt” nennen die Forscher das: Wer nicht mehr brav sein muss, lässt es auch schnell wieder bleiben. Specht:

“Wir konnten in unserer Studie zeigen, dass Personen sich nicht nur aufgrund ihres Alters entwickeln, sondern dass Personen, die gewisse Lebensereignisse schon früher erleben, auch schon früher in ihrer Persönlichkeit reifen, und Personen, die Ereignisse später erleben, eben auch erst später in ihrer Persönlichkeit reifen.”

Eine aristokratische Haltung
Herr Keuner sagte: “Auch ich habe einmal eine aristokratische Haltung (ihr wisst: grade, aufrecht und stolz, den Kopf zurückgeworfen) genommen. Ich stand nämlich in einem steigenden Wasser. Da es mir bis zum Kinn ging, nahm ich diese Haltung ein.”

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen ist kein Automatismus, sondern wird geprägt von dem, was im Leben passiert. Die Alltagserfahrung weiß das. Wissenschaftler wie Jaap Denissen und Jule Specht sorgen allerdings für eine wichtige Verschiebung der wissenschaftlichen Perspektive: Die scheinbar so fest gefügten Eigenschaften der menschlichen Persönlichkeit zerfließen dabei in ein vielschichtiges Gewebe von Prozessen und Wechselwirkungen.

Ein ähnliches Forschungsfeld bearbeitet Ute Kunzmann, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Leipzig. Sie interessiert sich für das “emotionale Altern” – ein bislang wenig beachtetes Thema, obgleich Gefühle, Regungen, Stimmungen zu den elementarsten Erfahrungen gehören. Die Forschung betrachtet allerdings meist das kognitive Altern – und gelangt zu Defizit-Befunden: Ältere sind geistig in vieler Hinsicht weniger leistungsfähig als jüngere Menschen. Bei den Emotionen zeigt sich ein anderes Bild. Obwohl alternde Menschen viele Verluste verkraften müssen, lässt ihr Wohlbefinden keineswegs generell nach.

“Da gibt es Befunde aus unserer Arbeitsgruppe, dass Ältere vielleicht in verschiedenen Situationen trauriger sind als Junge, dass es aber in ganz vielen Situationen so ist, dass Ältere sich weniger ärgern. Weniger feindselig sind, weniger in diese negative Emotion reingehen. Ärger ist eine ganz andere Emotion als Traurigkeit. Ärger ist eine beziehungsschädigende Emotion. Das ist etwas, was wir bei Älteren weniger sehen.”

Das lässt sich zum Beispiel an der Art ablesen, wie Paare miteinander streiten. Ute Kunzmann wertet Daten einer noch laufenden Langzeitstudie der Universität Berkeley aus. Dort werden junge und alte Ehepaare in mehrjährigen Abständen ins Labor gebeten und beim Streiten gefilmt. Das Ergebnis: Wer schon etliche Jahre verheiratet ist, streitet anders. Kunzmann:

“Und zwar insofern, als dass sie weniger Negativität zeigen und weniger Feindseligkeit und Ärger, und trotzdem sie den wichtigsten Konflikt in ihrer Beziehung diskutieren, zeigen die Älteren mehr Zuneigung. Je älter wir werden, desto begrenzter ist das Gefühl, was wir an Zeit noch zur Verfügung haben, und desto eher investieren wir gerade in enge Beziehungen. Und desto eher sind wir da bemüht, harmonische Beziehungen zu haben.”

Ältere Menschen werden stark darin, ihrem Leben eine positive Seite abzugewinnen. Das können sie besser als jüngere und tun es auch häufiger, hat Ute Kunzmann festgestellt. Dafür legen sie Strategien ab, die jungen Menschen eher zur Verfügung stehen:

“Das sind Strategien, die sehr stark in das negative Ereignis gehen und dann versuchen, das durchzuarbeiten – da gehen die weniger rein – und das ist auch etwas, das kognitiv relativ anspruchsvoll ist, anstrengend, komplexer Ressourcen bedarf; das haben die auch nicht so zur Verfügung. Aber eine positive Neubewertung, da sehen wir ganz klar die Stärken der Älteren – ein sehr sinnvoller Mechanismus.”

An diesem Punkt zeigt sich eine interessante Wechselwirkung: Die flexiblen Anpassungsprozesse der älteren Menschen führen zu einem Zuwachs an innerer Stabilität. Denn die Stabilität bleibt der zweite Grundpfeiler in dem komplexen Geschehen, das wir “Persönlichkeit” nennen. Die Psychologin Jule Specht:

“Es sind wirklich nur die Nuancen, die sich im Laufe des Lebens verändern, durch das, was wir erleben. Die extravertierteste Person in einer Gruppe wird auch zwanzig Jahre später noch eine der extravertiertesten Personen sein, da gibt es schon einen großen stabilen Aspekt in der Persönlichkeit auch.”

Wenn Herr K. einen Menschen liebte
“Was tun Sie”, wurde Herr K. gefragt, “wenn Sie einen Menschen lieben?” “Ich mache einen Entwurf von ihm”, sagte Herr K., “und sorge, daß er ihm ähnlich wird.” “Wer? Der Entwurf?” “Nein”, sagte Herr K., “Der Mensch.”

Niemand möchte sich selbst auflösen oder von unberechenbaren Mitmenschen umgeben sein, die sich heute sanft und großzügig zeigen und morgen zu egomanischen Übergriffen neigen. Die Persönlichkeit eines gesunden Menschen hat ihren Spielraum innerhalb eines relativ festen Rahmens – und auch der wird durch viele Faktoren geformt. Die Verantwortungen des Lebens – Familie, Beruf, Ehrenamt, Gesundheit, Freundeskreis – machen uns als Erwachsene innerlich immer steifer, aber auch stabiler und belastbarer. Dazu kommen unsere Lebensentscheidungen. Menschen tendieren zu Entscheidungen, die ihre schon vorhandenen Persönlichkeitstendenzen ausbauen und festigen. Das konnte eine Studie an jungen Männern bestätigen. Jule Specht:

“Also verträgliche junge Männer entscheiden sich eher dafür, den Zivildienst auszuwählen. Während sich weniger verträgliche junge Männer eher dafür entscheiden, den Wehrdienst anzutreten. Und durch diese Wehr- und Zivildienstzeit verändert sich die Persönlichkeit auch noch einmal anders. Also Personen, die den Zivildienst gewählt haben, werden in dieser Zivildienstzeit deutlich verträglicher über die Zeit; das heißt ihre sowieso schon hohe Verträglichkeit entwickelt sich noch einmal stärker.”

Jens Asendorpf: “Wenn jemand schon extravertiert ist und gerne mit Menschen umgeht, dann würde er eher einen Vertreterjob annehmen als einen Job in der Firma auf vergleichbarem Niveau, wo er gar nichts mit Menschen zu tun hat. Und wer Menschen scheut, der wird dann vielleicht eher Archivar werden und wühlt in irgendwelchen Archiven rum, da braucht er nicht viele Leute sehen, sondern er sieht nur Bücher. Und man weiß aus Längsschnittstudien, dass dieser Schritt, sich in eine entsprechende Arbeitsumgebung zu begeben, kann auch diese Persönlichkeitsmerkmale noch mal selber verstärken.”

Natürlich trägt auch das genetische Erbe seinen Teil dazu bei, einen Menschen mit stabilen Eigenschaften auszustatten. Zwillingsstudien sollen darauf hindeuten, dass die Ausprägung der grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale einer Person etwa zur Hälfte angeboren, zur Hälfte im Leben erworben ist.

Wogegen Herr Keuner war
Herr Keuner war nicht für Abschiednehmen, nicht für Begrüßen, nicht für Jahrestage, nicht für Feste, nicht für das Beenden einer Arbeit, nicht für das Beginnen eines neuen Lebensabschnittes, nicht für Abrechnungen, nicht für Rache, nicht für abschließende Urteile.

“Das ist der Befund: Je älter wir werden – es bleibt stabil und es wird stabiler. Daraus zieht ein großer Teil der Psychologinnen und Psychologen den Schluss, dass es diese Eigenschaften gibt, sozusagen als Kernbestand von Dimensionen, die uns ausmachen; und die dann auch vorhersagen, wie ich mich als Person, als Persönlichkeit beschreiben lasse.”

Der Psychologe Werner Greve ist radikal. Er stellt die gesamte Idee einer festen Persönlichkeit in Frage – auch wenn alle Intuition dafür spricht.

“Die unglaublich starke Intuition, die wir selber haben. Also dass wir uns selber als immer dieselbe Person erleben, auch wenn wir ganz weit zurückblicken in unsere Kindheit und sehen ein Bild von uns bei der Einschulung und sagen: Ungefähr alles, äußerlich und was ich gedacht habe, ist anders geworden – trotzdem, das bin ich. Und so haben wir diesen Eindruck von: Es gibt etwas, was an Kontinuität einfach unzerstörbar ist. Das bin ich. Das muss doch etwas Wesentliches sein.”

Und doch sprechen auch wichtige Einwände gegen die Vorstellung eines festen Wesenskerns. Beispielsweise droht ein logischer Zirkelschluss. Greve:

“‘Warum hast Du gestern den Paul auf dem Schulhof geschlagen? Nun, weil Du aggressiv bist. Woher weiß ich denn, dass Du aggressiv bist? Na, Du schlägst ja dauernd den Paul auf dem Schulhof.’ Da wird das eine mit dem anderen erklärt – die Eigenschaft erklärt, warum ich das tue. Und dass ich das tue, und zwar öfter als andere, erklärt, dass ich die Eigenschaft habe.”

Die zu klärende Frage aber bleibt offen: Warum verhält sich das Kind häufig aggressiv? Und warum tut es das über lange Zeiträume hinweg?

“Und das ist mit der Zuschreibung einer Eigenschaft, eines Persönlichkeitsfaktors, oder wie immer man das nennen will, nicht mal beantwortet. Ich will nicht einmal sagen, falsch beantwortet – sondern überhaupt nicht beantwortet!”

Doch es gibt eine alternative Perspektive: Man legt die Idee fester Persönlichkeitsmerkmale beiseite und begreift die Persönlichkeit als eine zusammenfassende Beschreibung dessen, was ein Mensch tut. Greve:

“Und das, was ich tue, wird wesentlich gesteuert von dem, wie ich mich sehe.”

Luxus
Der Denkende tadelte oft seine Freundin ihres Luxus wegen. Einmal entdeckte er bei ihr vier Paar Schuhe. “Ich habe auch viererlei Arten Füße”, entschuldigte sie sich.

Das Selbstkonzept. Es nimmt seinen Anfang in der frühen Kindheit mit einer grandiosen Selbstüberschätzung. Das hilft, wenn man als kleiner Mensch Radfahren, Balancieren und andere riskante Dinge lernen muss. Im Laufe der Kindheit und Jugend entwickelt sich daraus ein immer differenzierteres Bild der eigenen Person. Und indem sich der Mensch seine eigene Persönlichkeit vorstellt, stabilisiert und fixiert er sie. Mitunter entsteht so ein Versatz zwischen Selbstkonzept und Realität. So neigen Schüler dazu, ihre Leistungsunterschiede in den verschiedenen Fächern zu überschätzen. Der Psychologe Jens Asendorpf:

“Wenn ich dann zum Beispiel mäßig schlecht in Mathe bin, entwickle ich eher das Selbstkonzept, dass ich ganz schlecht in Mathe bin, weil ich das relativ kontrastiere mit meinen anderen Stärken. Und da fällt es eben ab. Und da wird dieser Kontrast übertrieben. Und dadurch bildet sich ein sehr, sehr differenziertes Selbstkonzept heraus, was sogar differenzierter ist als die Realität selber.”

Menschen möchten sich als stabil wahrnehmen – so sehr, dass sie dies sogar dann tun, wenn von Stabilität gar keine Rede sein kann. Werner Greve:

“Das kann man sich zum Beispiel klarmachen an einem Selbstkonzept-Bereich wie ‘Ich habe ein gutes Gedächtnis’. In allen Studien, sowohl querschnittlichen, wo wir Leute verschiedenen Alters miteinander vergleichen, als auch längsschnittlichen, wo wir Leute wiederholt in ihrem Leben befragen, findet man, wenn die sich einschätzen sollen auf einer Skala von eins bis zehn, ‘Wie ist mein Gedächtnis?’, sagen die immer alle gleich: Sieben, sieben, sieben. Alle drei Jahre gefragt, immer sieben.”

Tatsächlich hat die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses mit den Jahren jedoch nachgelassen. Verkennen die Versuchspersonen ihre Realität? Keineswegs, sagt Werner Greve. Und wieder zeigt sich die enge Kooperation von Mechanismen der Wandlung und der Festigung: Ältere Menschen praktizieren flexible Alltagslösungen, um ein stabiles Selbstkonzept aufrecht erhalten zu können. Den Einkaufszettel, den sie neuerdings brauchen, tun sie darum als unerheblich ab. Greve:

“Na ja, ein Gedächtnis merkt man ja nicht wirklich an Einkaufslisten. Also, mein Gehirn ist ja viel zu schade für Gemüse. Ich kann die Titel aller James Bond Filme auswendig. Ich kann die Fußballmannschaft von 1954 auswendig, und ich kann den Anfang der Odyssee auswendig, und das zeigt: Ich habe ein gutes Gedächtnis. Zum Einkaufen brauche ich Zettel, das ist doch wirklich nicht entscheidend.”

Ff Luxus
“Was machst du da, wenn ein Paar Schuh kaputt ist?” Da merkte sie, daß er noch nicht ganz aufgeklärt war, und sagte: “Ich habe mich getäuscht, ich habe fünferlei Arten Füße.” Damit war der Denkende endlich aufgeklärt.

Die festen Eigenschaften des Menschen, der Wesenskern der Persönlichkeit – möglicherweise verbirgt sich dahinter nichts anderes als der Wunsch, dass es so sei. Und fließende, flexible, lebendige Prozesse helfen die Prophezeiung zu erfüllen. In dieser Dynamik ist selbstverständlich auch Platz für Entscheidungen gegen den Trend. Auch wenn Menschen sich im Durchschnitt solchen Berufen und Freundeskreisen zuwenden, die ihren Begabungen und Kindheitsmustern entsprechen, kann der einzelne Mensch doch anders handeln. Der Schüchterne heiratet eine Frau, die ihn beruflich und privat auf Bühnen schiebt. Die Gesellige tut sich mit einem Eigenbrötler zusammen, bis der Freundeskreis auf Tauchstation geht. Der emotional Unterkühlte wird Streetworker im sozialen Brennpunkt – und was er täglich erlebt, öffnet ihn für Mitgefühl und Empathie. Indem ein Mensch seine Umwelt gegen den Trend der eigenen Persönlichkeit wählt, kann er seiner Entwicklung bis ins höhere Alter neue Impulse, eine neue Richtung geben. Jens Asendorpf:

“Und das ist in den älteren Persönlichkeitsentwicklungstheorien auch vernachlässigt worden, wie in der Psychoanalyse oder wie im Behaviourismus – da ging man immer davon aus, die Umwelt ist irgendwie gegeben und wir sind sozusagen Spielball der Umwelt. Das ist ja völlig falsch. Sie sind ja nicht ein Ball, der irgendwie umher geworfen wird, sondern wir haben ja durchaus Einfluss, in welcher Umwelt wir uns befinden. Wir können uns zurückziehen, wir können die verändern, wir können die sogar herstellen zum Teil.”

Stabilität und Flexibilität der Persönlichkeit sind nicht voneinander zu trennen. Werner Greve verwendet hier gerne das Bild des Seiltänzers: Nicht dass der Akrobat sich auf dem Seil bewegen kann, ist das Erstaunliche. Sondern wie er es schafft, in schwindelnder Höhe still zu stehen. Wer dem Seiltänzer von unten zuschaut, weiß genau: Die scheinbare Stille dort oben erfordert Anpassungsprozesse in jedem Moment.

“Die Pointe ist: Wir sind tatsächlich beides und zwar immer beides zur gleichen Zeit. Die Prozesse erzeugen die Stabilität.”

Die vier Temperamente des Hippokrates, die dreigeteilte Psyche Sigmund Freuds – solche starren Modelle sind überholt. Gleichzeitig können Wissenschaftler sich bis heute auf keine endgültige Definition der Persönlichkeit einigen. Aus verschiedenen Perspektiven umkreisen sie ein komplexes und hoch dynamisches Konstrukt aus Selbstzuschreibungen und mehr oder weniger stabilen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wiederum Ergebnis von Selbstkonzepten sind. Die Persönlichkeit, sie ist ein Pingpong aus Veränderung, Anpassung, Stabilisierung, neuen Umbrüchen.

Kommentar
Von irgendjemand sagte Herr Keuner: “Er ist ein großer /Mann. ER läßt sich durch das, was einer ist, nicht darüber täuschen, was einer werden kann.

Werner Greve: “Wieso geht es uns denn nach einer Niederlage nach einer Zeit wieder gut? Wie kriegen wir das hin? Irgendwie hat das Selbst hinter unserem Rücken auf eine Weise aufgeräumt, die mein Gefühl zu mir selber – das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein, ein liebenswerter Mensch zu sein – wieder etabliert hat. Die Pointe dieser Prozesse ist – Lebensqualität. Subjektives Wohlbefinden. Selbstwertempfinden. Eine positive Beziehung zu mir selber. Deswegen ist es auch gar nicht so gut, die alle genau verstehen zu wollen – bei sich selber, solange sie funktionieren. Alles in Ordnung.”