Schule: Praxis ohne Plan? (Feature)

Ein Feature von Susanne Billig und Petra Geist

Gesendet im DeutschlandRadio Kultur in der Sendereihe “Forschung und Gesellschaft”, Dezember 2013

Über die wissenschaftliche Erforschung des Lernens

Ein Leben lang lernen – das wird in der kommenden Wissensgesellschaft immer wichtiger werden. Auch deshalb steht die Schule unter Dauerbeobachtung der Öffentlichkeit. Unzählige Bücher, Podiumsdebatten,  TV- und Radiosendungen befassen sich mit Pisa-Schock und Iglu-Mittelmaß. Doch was ist das eigentlich – „Lernen“? Und wie sieht gelingendes Lernen aus? Neue Überlegungen aus der Hirnforschung und den Erziehungswissenschaften betonen die Partizipation der Kinder an ihrem eigenen Lernprozess und die Rolle des Lehrers – und erste Grundschulen setzen diese Erkenntnisse im Schulalltag um.

BEITRAG

Geräusch 1
Collage: Video-Sounds „So benehmen Sie sich im Bewerbungsgespräch“ fließen ineinander

AUTORIN   1
Der große Moment ist gekommen: Ein Mensch auf Arbeitssuche absolviert ein Bewerbungsgespräch. Jetzt heißt es alles geben und alles zeigen – Fähigkeiten, Zeugnisse, Zertifikate.

Kreuzblende zu:

Geräusch 2

Schulhof-Atmo

Kreuzblende:

Musik 1
Ernste Klänge, Kinder verschwinden darin

AUTORIN   2
Wenn ein Mensch auf dem Bewerbungsstuhl sitzt, hat er lange Ausbildungsjahre hinter sich. Was immer er an Prüfungen und Bewertungen bewältigen musste – es läuft hinaus auf diesen einen Moment der Bewerbung für den Berufsalltag eines Erwachsenen. Um die Verteilung der möglichen Bewerber auf die vorhandenen Berufe zu regulieren, werden Kinder vom ersten Schultag an einem Vergleichsverfahren unterworfen. Wer kann es besser? Wer versackt im Durchschnitt? Wer kommt mit dem Prüfungsstress klar? Wer fügt sich in das System Schule ein? Wer scheitert oder begehrt auf? Sabine Czerny ist Grundschullehrerin und Autorin des Buches: „Was wir unseren Kindern in der Schule antun – und wie wir das ändern können.“

O-Ton 1        Sabine Czerny
Dieser ständige Vergleich, der durchdringt einfach unser Schulsystem. Ein Problem ist, wenn wir es bewerten und dann den einen sagen, „du bist der Gute und du bist der Schlechte“, weil wir sowohl die einen wie die anderen unter Druck setzen. Die Guten sozusagen setzen wir unter Druck, dass sie weiter gut bleiben. Und die kriegen genauso Angst und schlafen genauso schlecht – und die, die sozusagen die Schlechten sind, die fühlen sich einfach unfähig. Und sagen: „Ich bin doch ein dummes Kind“.

Geräusch 3
Schulhof – Kinder schreien

Musik 2
Anstrengende Musik

AUTORIN   3
Schon Grundschüler stehen unter einem enormen Stress. Das zeigte eine Studie im Auftrag des Deutschen Kinderschutzbundes im Jahr 2012. Befragt wurden fast fünftausend Kinder bundesweit zwischen sieben und neun Jahren. Ein Drittel klagte über Stressgefühle und Leistungsdruck. Die Folgen: Kopfschmerzen, Erbrechen, extreme Konzentrationsstörungen. Ein Fünftel der Kinder ist „diagnostiziert therapiebedürftig“. Fast die Hälfte wünscht sich mehr Zeit zum Ausruhen und Entspannen. Die Macher der Studie erklären selbst, dass die Anforderungen des Arbeitsmarktes bis auf die Grundschule zurückschlagen. Opfer dieser Entwicklung: Kinder, Eltern, Lehrer.

Geräusch 4
Schrille Schulglocke

AUTORIN   4
Häufig werden Schulnoten nach dem Prinzip der Normalverteilung gegeben – wenige Kinder bekommen für die Klassenarbeit eine Eins, viele eine Drei und natürlich müssen auch Fünfen vergeben werden. So genannte schwächere Schülerinnen und Schüler können ihre Noten kaum verbessern; unter dem Druck der Statistik landen sie wieder und wieder im Mittelfeld. Sabine Czerny setzte dieses Prinzip außer Kraft. Sie gestaltete ihren Unterricht so interessant, dass die Kinder Spaß am Lernen hatten und gut wurden – das honorierte sie mit guten Noten. Zum Ärger von Eltern, deren Kinder in den Parallelklassen im Wettkampf um einen Gymnasiumsplatz ins Hintertreffen zu geraten drohten. Die Schulleitung wies Sabine Czerny an, auch schlechte Noten zu verteilen. Sie weigerte sich und wurde 2008 strafversetzt. Dafür erhielt sie das Karl-Steinbauer-Zeichen, einen Preis für Zivilcourage. Nicht alle Schüler können mit solcher Rückendeckung rechnen. Unter dem Druck der Selektion geben sie frustriert auf oder sitzen stundenlang daheim über Hausaufgaben und Übungen. Freizeit, Familienleben, freies Spiel bleiben auf der Strecke. Für Sabine Czerny steht fest: Die massiven Unterschiede jugendlicher Schülerinnen und Schüler werden vom System selbst erzeugt.

O-Ton 2        Sabine Czerny
Wir wissen alle, wir brauchen Freude, um was wirklich gut machen zu können und wir brauchen vor allem die Aussicht auf Erfolg, um wirklich motiviert sein zu können. Und wenn wir ihnen das alles nehmen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie nicht mehr lernen. Und wenn wir dann dastehen und sagen, “ja, jetzt streng dich doch mal an”, dann ist das fast schon ein bisschen Hohn, weil – sie haben sich lange Zeit angestrengt und immer wieder diese Rückmeldung gekriegt: “Du genügst nicht, du genügst nicht.”

Musik 3
Weite elektronische Klänge

O-Ton 3        Martin Korte
Zunächst mal muss man sagen, dass es noch ein Gehirn ist, was massiv sich in einem Aufbauprozess befindet. Es sind zwar alle Nervenzellen schon vorhanden, aber die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen werden noch massiv intensiviert, also es werden noch ganz neue Kontaktstellen gebaut, es wird aber auch noch massiv umgebaut.

AUTORIN   5
Martin Korte ist Professur für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. 2011 schrieb er das Buch: „Wie Kinder heute lernen: Was die Wissenschaft über das kindliche Gehirn weiß“. Wie arbeitet ein solches Gehirn? Was befähigt Kinder zu der enormen Leistung, sich die gesamte sie umgebende Kultur innerhalb weniger Jahre zu eigen zu machen? Welche Umstände fördern oder hemmen diesen Lernprozess? Nicht zu vernachlässigen sei die hirnorganische Seite, erklärt der Wissenschaftler:

O-Ton 4        Martin Korte
Vor allen Dingen muss so ein junges Gehirn lernen, welche Informationsverarbeitungswege besonders effizient sind und welche nicht. Junge Gehirne haben eine schnelle Auffassungsgabe, können sehr gut lernen, aber die Geschwindigkeit des Gehirns, die Taktung ist noch sehr langsam, weil die Isolierungen der Ausgangsstationen von Nervenzellen, die so genannten Axione, sind noch sehr wenig vorhanden.

AUTORIN   6
Die gesamte Gehirnentwicklung des Kindes ist auf Lernen ausgerichtet. Wie so häufig im Verlauf der Evolution hat sich auch hier ein „Belohnungssystem“ entwickelt, damit der Organismus sich so verhält, wie es für sein Überleben sinnvoll ist. Vor allem eigenmotiviertes Tun – jenes Tun also, das ein Kind im Schulfrust einstellt – wird von den Botenstoffen des Gehirns belohnt. Studien zeigen, wie fatal sich Impulse von außen auf das selbst-motivierte Lernsystem auswirken können. Kinder, die von sich aus gerne malen, stellen das Malen nach einigen Jahren ein, wenn Erwachsene sie regelmäßig dafür belohnen.

O-Ton 5        Martin Korte
Und die Erklärung dafür ist: Diese hohe Motivation wurde im Grunde kompromittiert durch die Belohnungen, weil die Kinder haben nach drei, vier Mal angefangen, nicht mehr aus Spaß am Malen zu malen, sondern für die Belohnung, die sie bekommen – was auch eine Anreizwirkung hat, aber eben keine, die so stark ist wie die eigene Freude am Tun.

AUTORIN   7
Allerdings wird nur die Tätigkeit, die aus innerem Antrieb erfolgt, von dem Botenstoff Dopamin unterstützt. Dannn steigert Dopamin die Leistungsfähigkeit der Nervenzellen, verbessert die Konzentration und sorgt für das, was sich Lehrer und Eltern sehnlich wünschen: die Abspeicherung neuer Lern-Inhalte im Langzeitgedächtnis. Doch was verschafft einem Menschen Freude am eigenen Tun? Wo der eine sich still zurückzieht, sucht der andere die Aktivität in der Gemeinschaft. Manche bleiben stundenlang bei einer Sache, andere lieben kurze Aktivitätsschübe von hoher Intensität. Zudem wechselt die Lernstimmung des Einzelnen von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Genau hier kollidiert das Lernsystem Schule mit der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns: Lernen ist eine Angelegenheit höchster Flexibilität und Individualität – das lässt sich von der Schule kaum sagen.

O-Ton 6        Sabine Czerny
Nachhaltiges Lernen wird durch verschiedene Aspekte behindert. Zum einen wirklich dieser Zeit-Aspekt, dass wir einfach nicht abwarten können, bis bestimmte Lernprozesse abgeschlossen sind, sondern auf die Probe dieser Lernprozess abschließt – weil einfach bestimmte Inhalte in einer bestimmten Zeit durchgenommen werden müssen. Das andere: Diese Nachhaltigkeit, hat einfach etwas mit ganz viel Wiederholung zu tun. Dass es immer wieder aufgegriffen, immer wieder wiederholt wird, und das Ganze so durchwoben wird, damit man es immer wieder in unterschiedlichsten Aspekten und Facetten hat.

AUTORIN   8
Dazu bleibt unter dem Druck eines übervollen Lernpensums in der Schule kaum Zeit. Das menschliche Gehirn aber ist grundsätzlich so angelegt, dass es Inhalte nur dann dauerhaft speichert, wenn sie auch von lebensweltlicher Bedeutung sind, einem Menschen also mehrfach im Leben begegnen. Wenn nicht, werden sie vom Gehirn als nebensächlich eingestuft – und vergessen. Noch ein simples Faktum aus der Erforschung kindlicher Gehirne wirft Martin Korte in die Debatte:

O-Ton 7        Martin Korte
Manche Gehirne in bestimmten Regionen entwickeln sich einen Tack schneller als andere – und ein halbes Jahr in der Sprachentwicklung des Gehirns weiter zu sein als andere Kinder, kann eben schon enorme Leistungsunterschiede hervorbringen. Hier ist – das hat nichts mit Defiziten zu tun – die ganz normale Streubreite in der Entwicklung kindlicher Gehirne sehr groß.

AUTORIN   9
Doch diese ganz normalen Entwicklungsunterschiede zwischen Grundschulkindern, die sich im Laufe der Zeit von selbst aufheben, werden im Noten- und Bewertungssystem der Schule zum Problem erklärt – mit gravierenden Folgen. Silvia-Iris Beutel ist Professorin für Schulpädagogik und erforscht Lehr- und Lernprozesse im Unterricht.

O-Ton 8        Silvia Beutel
Wir wissen ja seit über vierzig Jahren, dass Noten eben nicht objektiv valide oder reliabel sind. Dazu kommen eine Reihe von Beurteilungsfehlern. Das heißt, das System nährt sich aus einem Instrumentarium, was in sich natürlich fehleranfällig ist. Und eine Vielzahl von weiteren Faktoren kommt hinzu: der elterliche Kontext, soziale Herkunft und Ähnliches. Das alles wird sozusagen in unsere Bildungsgang-Empfehlungen mit eingespeist und erzeugt Ungerechtigkeiten.

AUTORIN   10
Dabei geschieht die frühe Selektion aus Sicht der Praktikerin Sabine Czerny ganz ohne Notwendigkeit:

O-Ton 9        Sabine Czerny
Wenn wir zum Beispiel das Einmaleins nehmen und in der zweiten Klasse die Probe schreiben, da gibt es dann die Noten von Eins bis Fünf. Und jetzt sehen wir aber nicht, sie haben Entwicklungsunterschiede von zwei oder drei Jahren und werten trotzdem diesen einen Zeitpunkt so wahnsinnig hoch, anstatt zu sehen: Wieso? Der kann es doch zwei Wochen später ganz genauso!

Musik 4
Freundliche Klänge 1

AUTORIN   11
„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken“, sagte Galileo Galilei. Davon gehen auch heutige, konstruktivistische Ansätze in den Erziehungswissenschaften aus: Wissen lässt sich nicht übertragen, sondern wird im Gehirn jedes Lernenden neu geschaffen.

O-Ton 10        Silvia Beutel
Lernen heißt Erfinden. Also Kinder und Jugendliche müssen im Verlauf ihrer Entwicklung ihre Welt, aber auch ihre Begriffe, ihr Begreifen selbst konstruieren. Sie können nicht einfach gebildet oder belehrt werden. Man weiß einfach: Der Lernende schafft im Lernprozess eine, ja, ich würde schon sagen individuelle Repräsentation der Welt. Ein individuelles Bild der Welt oder seines Lernens damit auch.

AUTORIN   12
Der meisten psychischen Prozesse bleiben dem Lernenden völlig unbewusst – entsprechend kann er sie, obgleich die Schule dies permanent von ihm fordert, nicht aktiv beeinflussen. Diese Prozesse spielen sich im limbischen System des Gehirns ab – hier geht es um Affekte, Gefühle und Motivationen. Nicht die bewusste intellektuelle Anstrengung, sondern die soziale Situation und die darin erzeugten Gefühle bilden den Dreh- und Angelpunkt des Lerngeschehens. Was müsste das für den Schulunterricht bedeuten?

O-Ton 11        Silvia Beutel
Das heißt, ziemlich radikal und konsequent interpretiert, dass man eher Lernen auf Erfahrung gründen muss und nicht mehr auf Belehrung. Also forschend, entdeckend, erkundend die Welt zu verstehen. Und das bedeutet, bei Kindern und Jugendlichen etwas zu fördern, von dem ich Sorge habe, dass es zu schnell verschüttet ist, nämlich so etwas wie eine Neugierhaltung  auf die Welt. Denn Neugier ist die Voraussetzung, um auch wieder zu forschen oder etwas erkunden zu wollen.

Musik 5
Freundliche Klänge 1

Geräusch 5
Schulhof-Atmo

Musik weg, Kreuzblende zu:

O-Ton 12        Grundschulkinder
Kind 1: Eine „Kann-das-Stimmen?“-Karte haben wir erfunden. „Kann das stimmen, dass mehr als dreihundertfünfzig Taschentücher in das Kolosseum von uns passen?“ Haben wir jetzt ausgerechnet. Ein Taschentuch ist zwanzig Zentimeter lang, und auf einen Quadratmeter passen dann fünfundzwanzig  Taschentücher. Und dann haben wir gerechnet vierundfünfzig mal fünfundzwanzig sind dreihundertfünfzig – und dann passen ins Kolosseum, in den Raum:
Viele Kinder: Eintausenddreihundertfünfzig Taschentücher!
Kind 2: Also eine hier aus der Klasse hatte gerade ein Taschentuch, und da bin ich auf die  Idee gekommen.

AUTORIN   13
Seit 2006 wird jährlich der hoch angesehene Deutsche Schulpreis verliehen – für Schulen, die „mit neuen Konzepten und erfolgreicher Praxis begeistern“, wie es in der Selbstdarstellung heißt. 2013 erhielt die Grundschule Gau-Odernheim die Auszeichnung – eine ganz normale Regelschule in einer kleinen rheinland-pfälzischen Weinbaugemeinde. In den Räumen des hellen Zweckgebäudes geht es ungemein lebendig zu. Kinder laufen umher, suchen sich ihre Arbeitsplätze selbst, liegen auch mal auf dem Teppich, um in bequemer Haltung zu lesen und zu basteln. Wer beim Lernen sehr viel Ruhe braucht, kann Schallschutzkopfhörer aufsetzen. An Materialien herrscht in dieser Schule kein Mangel – bis hin zu Schuhputzzeug und Obstbesteck. Eine Schulglocke existiert zwar, klingelt aber nicht mehr – die hat nur gestresst. Rektorin Susanne Rammenzweig-Fendel zum Credo der Schule:

O-Ton 13        Susanne Rammenzweig-Fendel
Lernen funktioniert eben nicht so, dass vorne ein Lehrer steht, dreißig Kinder hören ihm zu, von acht bis dreizehn Uhr, und alles was der Lehrer sagt, geht wie im Trichter in den Kopf rein und man kann es abspulen nachher – das funktioniert nicht, und dann muss man es ändern.

AUTORIN   14
Acht und neun Jahre alt sind die Kinder, die sich hier selbständig mit Flächen- und Raumberechnungen konfrontieren und nicht locker lassen. Konrektorin Susan Kayser:

O-Ton 14        Susan Kayser
Ich hatte letztes Jahr einen Viertklässler, dem war das mit nur Litern zu blöd, der hat dann gesagt: Er möchte ausrechnen, wie viele Liter in die Erde passen würden, wenn sie denn hohl wäre. Da kriegt man dann auch erst mal kurz Schnapp-Atmung und zückt mal die Formelsammlung – und dann muss man halt zusammen schauen, dass man das irgendwie hinkriegt.

AUTORIN   15
Besser ließen sich die Beobachtungen der Hirnforschung und die konstruktivistischen Theorien der Erziehungswissenschaften gar nicht umsetzen: Die Kinder stellen sich selbst eine Frage, die ihrem unmittelbaren Erleben entstammt. Entsprechend hoch fällt ihre Motivation aus, diese Aufgabe auch zu lösen. Sollten sie mal etwas länger brauchen, um zu begreifen, so müssen sie das nicht mühsam verstecken – die leidvolle Erfahrung von Generationen. Statt dessen führen sie ganz offen Lerntagebücher. Und sie dürfen sich bewegen – eine wichtige Empfehlung der Hirnforschung.

O-Ton 15        Susanne Rammenzweig-Fendel
Die dürfen aufstehen während des Unterrichts und dürfen was trinken und dürfen sich was holen, dürfen den Platz wechseln, und man kann den Kindern sehr gut vertrauen. Die wollen ganz viel, und die wollen noch viel mehr wissen als das, was eigentlich im Lehrplan steht.

O-Ton 16        Susan Kayser
Es gibt welche, die laufen draußen auf und ab oder sie  gehen Treppen hoch und runter, so wie jeder Erwachsene dann mal an die Kaffeemaschine geht oder mal seine Mails checkt, so gehen die dann mal mit dem Spitzer oder trinken mal einen Schluck. Mich stört nur, wenn sie andere  stören.

AUTORIN   16
Beim jahrgangsübergreifenden Lernen gehört es dazu, dass die Kinder viel miteinander sprechen und sich gegenseitig erklären, was gelernt haben.

O-Ton 17        Grundschulkinder
Also ein Erstklässler kann von mir die Rechtschreibübungen lernen und das Richtig-Schreiben.

AUTORIN   17
Auch die Erstklässer haben etwas zu geben, finden die Älteren:

O-Ton 18        Grundschulkinder
– Manchmal sind sie etwas ruhiger als wir.
– Man kann auch von denen lernen, dass man Quatsch machen kann.
– Ohne Quatsch kann man nicht leben.

O-Ton 19        Martin Korte
Es ist generell so, dass – wenn das Gehirn nicht nur passiv zuhört, sondern wenn es auch aktiv das Gelernte in Motorik umwandeln muss – geht auch hier die Wertigkeit des Gelernten hoch. Das heißt, das Gehirn gibt dem, was man gelernt hat, eine höhere Bedeutung, wenn damit auch eine Handlung verbunden ist.

AUTORIN   18
In Gau-Odernheim lernen die Kinder von Klassenstufe eins bis vier gemeinsam. Die Lehrkräfte – es sind immer zwei im Raum – verzichten auf die klassische, minutengenaue Unterrichtsplanung. Sie geben Impulse, rhythmisieren mit einigen festen Programmpunkten den Tag – und lassen dem kindlichen Lerneifer seinen Lauf. Das stellt durchaus hohe Anforderungen:

O-Ton 20        Susan Kayser
Gleichzeitig hat man jemanden neben sich sitzen, mit dem man gerade einen Text auf Rechtschreibung überarbeitet, und auf der anderen Seite sitzt vielleicht gerade einer, der will einem eine Geschichte vorlesen – es ist sehr vielfältig, aber das macht es auch so spannend. Also natürlich haben auch wir Bildungsstandards, denen wir verpflichtet sind. Wenn jetzt keiner freiwillig auf die Idee kommt oder aus reinem Eigenantrieb, er müsste jetzt einmal lernen, wie Dividieren geht, da schreiten wir dann quasi ein. Aber ansonsten begleiten wir und stehen nicht im Weg rum und versuchen, ihnen die Umgebung zu bereiten, dass sie möglichst eigentätig lernen können.

O-Ton 21        Grundschulkinder
– Ich komm hierher und dann planen wir halt unseren Tag, was wir heute so machen, und dann gehen wir da vorne in den Kreis, sagen, wie es uns so geht, und dann arbeiten wir das, was wir uns vorgenommen haben.
– Wenn wir forschen, also etwas herausfinden wollen, da gehen wir auch manchmal an den Computer und forschen.
– Themen,  die wir uns ausgesucht haben. Also ich forsche jetzt mit meiner Gruppe über den Hai, hier Nick, der gerade neben mir ist, forscht auch über den Hai.
– Wir forschen verschieden über den Hai!

AUTORIN   19
Damit Kinder ihren eigenen Lernprozess mitgestalten können, üben sie, sich selbst von außen zu betrachten, Lücken und Schwierigkeiten zu erkennen und neue Lern-Wege zu erschließen. Lehrerin Daniela Richter:

O-Ton 22        Daniela Richter
Hier lernen Kinder vom ersten Schultag an: Wie präsentiere ich ei ne Arbeitsaufgabe, die ich absolviert habe? Wie präsentiere ich eine Idee für eine Forscherfrage, die sich bei mir entwickelt hat? Ich habe die Chance, in einem Präsentationskreis mittags zu sagen: „Das ist das, was ich geschafft habe, und das der Weg, auf dem ich es gemacht habe.“

AUTORIN   20
Mein Weg – individuell, vielfältig, unvorhersehbar. Wer sich auf diese Vielfalt einstellt, statt Leistungsniveaus zu vereinheitlichen und zu vergleichen, reduziert den Schulstress ungemein, erklärt Susan Kayser:

O-Ton 23        Susan Kayser
Weil ich einfach sagen kann, okay, das ist jetzt das, woran du bist – arbeite daran, wunderbar. Und das ist genau richtig, was du gerade machst. Weil es für dich das ist, was dran ist. Und so bleibt es immer im Fluss und ist nie so dieses: “Jetzt das! Und wenn du den Moment verpasst hat, dann hast du halt Pech gehabt.”

O-Ton 24        Susanne Rammenzweig-Fendel
Sie haben Kinder, die kommen, die rechnen schon im Zahlenraum bis Hundert, können lesen und schreiben. Und Sie haben Kinder, die können ihren Name noch nicht schreiben und interessieren sich auch wirklich überhaupt nicht für schulische Angelegenheiten. Sie müssen den Kindern auch einfach da Zeit geben, an ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten – und Schule ist nicht nur ein Raum, in dem es nur um Lernen geht, sondern vielfältige Bildung in allen Bereichen. Und das ist uns hier sehr wichtig an dieser Schule.

AUTORIN   21
Denn nicht in allen Elternhäusern lernen Kinder, differenziert zu sprechen und mit Büchern umzugehen. Darum lautet eines der großen Stichworte hinter dieser Pädagogik Bildungsgerechtigkeit – um die herzustellen, braucht Schule Zeit. Silvia-Iris Beutel:

O-Ton 25        Silvia Beutel
Das Problem ist, sie erzeugt einerseits Bildungsungerechtigkeit, denn sie selektiert – und gleichzeitig soll sie aber Gerechtigkeit positiv bearbeiten und möglichst allen Bildungserfolg ermöglichen. Und das ist ein Widerspruch, den jede Schule, auch an jedem Standort, für sich bearbeiten muss. Und das ist eine sehr, sehr schwierige Aufgabe – aber die kann auch gelingen.

Musik 6
Ernste Klänge

AUTORIN   22
Doch die Schulpreis-Schulen sind noch in der Minderheit – das deutsche Schulsystem erreicht im internationalen Vergleich allenfalls Mittelmaß. Die so genannte Pisa-Studie für Erwachsene zeigte vor kurzem, dass das deutsche Schul-System es fertig bringt, Millionen von Analphabeten ins Erwachsenenleben zu entlassen. Jeder sechste liest wie ein zehnjähriges Kind. Bekannt sind die großen Erfolge des finnischen Schulsystems – Einheitsschule bis sechzehn, in den ersten Schuljahren weder Noten noch verbale Bewertungen, individuelle Förderung, Sozialarbeit, Gesundheitsfürsorge, kostenloses Mittagessen in der Schule selbstverständlich. Erstaunliche 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen hier die Zugangsberechtigung für eine Hochschule. In Deutschland sind es nur 38. Für den finnischen Erfolg sind nicht einzelne Maßnahmen an einzelnen Schulen verantwortlich, sondern es ist die Bildungspolitik insgesamt – der parteiübergreifend vereinte politische Wille, die bestmögliche Ausbildung für alle Kinder zu realisieren. Interessanterweise steckt Finnland nicht mehr Geld in die schulische Ausbildung als Deutschland, doch dort fließt es vorwiegend in die Bildung der Jüngsten, hierzulande – in die Gymnasien. Parteipolitische Grabenkämpfe dominieren die Bildungspolitik hier und das bestehende Schul-System wird eifersüchtig von denen bewacht, die allein davon profitieren, weil es ihren Status sichert: den Eltern der Mittel- und Oberschicht. Via Schulsystem werden Kinder aus Migrantenfamilien und bildungsfernen Elternhäusern von den begehrten sozialen Rängen ferngehalten.

O-Ton 26        Martin Korte
Je länger aber die Schule auf die kindlichen Gehirne einwirken kann, je mehr Zeit die Kinder dort verbringen, je mehr Anregungen sie von da bekommen, umso mehr kann ich auch Kinder, die aus bildungsfernen Familien kommen, heranführen eben an das, was man braucht für zum Beispiel eine gymnasiale Schule. Oder was man eben braucht, um auf einer Gesamtschule in den besten Kursen mitarbeiten zu können.

Musik 7
Freundliche Klänge 2

AUTORIN   23
Das neue, alte, menschen-gemäße Lernen setzt auf Lehrerinnen und Lehrer, die sich in besonderer Weise einbringen und eine große Vielfalt an Lernprozessen in einem Klassenraum moderieren können. Die Rolle des Lehrers betont auch der viel diskutierte neuseeländische Bildungsforscher John Hattie. Er wertete tausende von Studien aus, um zu ermitteln, welche Faktoren den schulischen Lernerfolg bedingen. Sein Fazit: vor allem der Lehrer. Die Hirnforschung liefert eine Erklärung:

O-Ton 27        Martin Korte
Das hängt damit zusammen, dass auf diesem Planeten kein Tier, kein Lebewesen so gut durch Nachahmung lernt wie der Mensch. Allerdings lernen wir nur dann durch Nachahmung, wenn wir auch demjenigen, von dem wir etwas lernen sollen, vertrauen. Und Vertrauen ist eine Frage dahingehend: Wie authentisch ist denn die Person, mit der ich gerade rede? Spult die ihr Fach einfach runter? Steht die eigentlich gar nicht hinter dem Lehrplan?

AUTORIN   24
Flächendeckend Lehrerinnen und Lehrer auszubilden, die ein Berufsleben lang neugierig bleiben, sich weiterbilden, die neuen Konzepte mit Leben füllen können – dazu müssen sich möglicherweise auch die Studienbedingungen ändern. Theoretisch seien all diese Überlegungen und Modelle in der Didaktik schon präsent, sagt Silvia-Iris Beutel und deutet an, in welche Richtung Reformen gehen müssten:

O-Ton 28        Silvia Beutel
Die Frage ist nur, wie können wir mehr solche Lern-Settings ermöglichen , wie ich sie auch in der Schule sehe und sehr wertschätze – des individualisierten Lernens, des Team-bezogenen Lernens – und dafür müssen wir wahrscheinlich auch in den Studiengängen wieder mehr Luft schaffen, damit das möglich ist, dieses Selbst-Forschen sozusagen, diese Handlung. Und das setzt auch wieder voraus, ähnlich wie in der Schule, dass wir auch andere Prüfungs-Formate haben als nur standardisierte Klausuren, wo man sein Häkchen machen muss natürlich.

Geräusch 6
Schrille Schulglocke

Musik 8
Mechanische Klänge

AUTORIN   25
In den vergangenen Jahren wurde das Lehramtsstudium mehr und mehr verschult. Ein Blick in das Pensum von Lehramtskandidaten zeigt: Je nach Bundesland entfallen nur fünf bis zwanzig Prozent der Ausbildung auf die Erziehungswissenschaften. Der Löwenanteil befasst sich damit, junge Menschen, die später als Lehrerin und Lehrer mit Dutzenden von Kindern arbeiten werden, in Mathe, Deutsch oder Erdkunde fit zu machen. Dabei sollten angehende Lehrerinnen und Lehrer im Studium erleben, was sie in einer modernen Schule später moderieren und vermitteln: Wie weit Eigenverantwortung, Begeisterung und Bewegungsfreiheit den Lernprozess vorantreiben können.

O-Ton 29        Susanne Rammenzweig-Fendel
Als allererstes, glaube ich, wäre es gut, wenn, bevor die jungen Leute ein Studium anfangen, dass sie für einen langen Zeitraum von einem halben Jahr bis zu einem Jahr wirklich mal in Realität von Schule rein schnuppern. Wir haben es nicht nur einmal erlebt, dass sie letzten Endes dort drin stehen und dann feststellen: Lehrer, das ist doch nicht so das, was ich mir vorgestellt habe.
AUTORIN   26
Bewegliche Lehrerinnen und Lehrer brauchen für sich selbst auch einen Kontext der Handlungs- und Bewegungsfreiheit. Darum zieht die Idee des konstruktivistischen Lernens unweigerlich eine weitere Demokratisierung von Schule und Gesellschaft nach sich. Schulkonzepte werden von allen Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam gestaltet und verantwortet. Gleichzeitig legen sie die alte Macht des Be-Lehrers und Bewerters nieder, um eng mit Eltern und Kindern zu kooperieren.

O-Ton 30        Silvia Beutel
Aus der Erfahrung des Schulpreises und vieler, vieler Besuche vor Ort kann ich sagen, dass die Lehrerinnen und Lehrer sagen: Ja, das ist hier eine hohe Anforderung, gleichzeitig sind wir aber entlastet, weil die Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern eine ganz andere Qualität angenommen haben. „Ich habe nicht mehr ständig das Gefühl“, so hat es mir mal eine Lehrerin gesagt, „Schülerinnen und Schüler den Berg hoch schieben zu müssen.“ Sondern es ist mehr das Bild: Man macht sich gemeinsam auf einen Weg, und ich bin keine Marionette, sondern ich bin Gestalter vor Ort.

Musik 9
Freundliche Klänge 1

AUTORIN   27
Sabine Czerny, die mutige Grundschullehrerin, sieht die Frage Grundschulbildung sogar eingebettet in eine umfassende Reform der gesamten Leistungsdarstellung in der Gesellschaft – hin zu einem Erwerb hochwertiger Zertifikate nicht nur im abgeschlossenen System Schule, sondern flächendeckend. Mannigfaltige Bildungswege ohne Vergleichen, Lernen ohne Gewinner und Verlierer – was sich utopisch anhören mag, ist in manchen Bereichen völlig selbstverständlich.

O-Ton 31        Sabine Czerny
So wie wir es jetzt zum Beispiel auch beim Führerschein haben. Beim Führerschein ist es ja jetzt so, dass wir klare Vorgaben haben, was geprüft wird. Und eigentlich ist das Ziel, dass jeder das irgendwo erreicht, sonst hätten wir gar nicht so viele Autofahrer auf unseren Straßen. Aber jeder bereitet sich darauf vor, solange wie er halt braucht. Der eine braucht neun Stunden, der andere braucht siebenundzwanzig Stunden. Der eine braucht vielleicht ein oder zwei Durchgänge – und dann hat man diesen Führerschein.

AUTORIN   28
Ähnliche Teil-Systeme existieren bereits bei Zertifikaten für Sprach- oder Wirtschaftskenntnisse. Hier treten die Lernenden nicht gegeneinander an, sondern in einen Bezug zur Sache. Denn das wäre die logische Konsequenz der neuen Lern-Theorien: ein Bildungssystem, das sich von seinen Standard-Abschlüssen verabschiedet und auf den sukzessiven Erwerb eines individuellen Kompetenz-Profils setzt. Jeder Mensch könnte sich, in seinem Tempo und seinen Stärken gemäß, im Laufe seines Lebens sein Profil zusammenstellen und schließlich auf eine Stelle bewerben – erst hier im Vergleich zu anderen Mitbewerbern. Dann wären Auslese und vergleichende Bewertung da angekommen, wo sie hingehören:

Musik 10
Freundliche Klänge

O-Ton 32        Sabine Czerny
Da brauchen wir es. Die Lufthansa oder so, natürlich will ich, dass da der Beste fliegt und nicht irgendeiner. Und da ist es auch die richtige Stelle, die Besten sozusagen für den jeweiligen Bereich oder die Passendsten auszuwählen. Aber nicht unten, bei den achtjährigen, neunjährigen Kindern, die das einfach wirklich in gewisser Weise zerstört oder zumindest das Lernen stark behindert. Unten, mit acht, neun Jahren – da brauchen die Kinder Rückmeldungen, um gut lernen zu können.

Musik klingt aus