Ziraldo: “Flicts – Eine Farbe sucht Freunde”

Gesendet im DeutschlandRadio Kultur, August 2013

FlictsZiraldo: Flicts – Eine Farbe sucht Freunde. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Edmund Jacoby, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2013, 56 Seiten, durchgehend farbig, 12,95 Euro

Manchmal ist es schrecklich schwer, seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden. So geht es auch Flicts: Niemand will mit ihm spielen. “Kein Platz hier”, “Du störst uns”, “Guck dich doch mal im Spiegel an”, rufen die anderen ihm zu. Immer einsamer zieht Flicts in einer Welt umher, die ihn kalt, höhnisch, gedankenlos abweist. Doch Flicts gibt nicht auf. Um sein Glück zu finden, muss er bis ans Ende der Welt reisen – und darüber hinaus.

“Flicts” heißt eine berühmte Kinderbuchfigur des brasilianischen Autors und Illustrators Ziraldo. Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen macht das Jacoby & Stuart Verlagshaus die Geschichte nun auch deutschen Kindern zugänglich. Flicts ist allerdings kein Junge, kein Mädchen und auch keine Comicfigur – sondern ein Streifen Farbe. Weder leuchtendes Rot noch Grün noch Blau noch Orange, statt dessen ein Misston zwischen fahlem Ocker und schmutzigem Gelb und ein elender Außenseiter, bis er am Ende – auf welche Weise, das sei nicht verraten – das ganz große Los der Zugehörigkeit zieht.

Star-Grafiker Ziraldo bricht, um seine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen, mit allen Traditionen der Kinderbuchillustration. Er füllt die Seiten seines Buches, das immerhin Kleinkinder ab drei Jahren anspricht, allein mit abstrakt-farbigen Flächen und Formen. Doch weil er seine starke Geschichte hautnah an menschlichen Grunderfahrungen entlang führt, die auch Kinder im Kita-Alter schon sehr genau kennen, steigen die Farbflächen aus dem Buch auf wie beseelte Figuren.

Keineswegs nur ein Buch für Kinder

Da brüllt das Rot, das Blau zieht sich distanziert zurück, das Gelb markiert scharfe Grenzen, das Grün taucht ab – und das fahle, schmale Flicts drückt sich einsam an den leeren Rand der Seite. Spielerisch reichert Ziraldo seine Geschichte dazu noch mit pädagogischen Inhalte an, auf die sich manch anderes Kinderbuch mangels einer tiefer gehenden Erzählidee beschränken muss: Wie gehen die Farben der Ampel und des Regenbogens, zu welchen Ländern gehören diese Flaggen, welche Farben siehst du, wenn sich ein buntes Windrad ganz schnell dreht, wie hieß der erste Mann auf dem Mond – all diese Fragen lassen sich anhand des Buches besprechen.

Wie in einer Nussschale enthält das Bilderbuch mit seiner schlichten Gradlinigkeit und dem tieftraurigen Unterton die schmerzhaften Erfahrungen des Autors während der brasilianischen Militärdiktatur. 1964 putschten im Land die Generäle, nach lateinamerikanischem Muster gegen eine linke Regierung und unterstützt von den USA.

21 Jahre lang konnte sich das Regime halten. Der damals noch junge Grafiker erlitt Berufsverbot, Drangsalierung, Verfolgung. Alles das findet sich in seinem Kinderbuch wieder, das er 1969 auf dem Höhepunkt der Diktatur malte und schrieb: die schmerzhafte Erfahrung, ein Dissident und Außenseiter zu sein, die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und Zusammenhalt, der Durchbruch am Ende, der, mit einem Hauch Transzendenz, allerdings auf einen Horizont jenseits menschgemachter Erlösungen Kurs nimmt. Ein erstaunliches, ein großes Buch für Menschen in jedem Alter.

Besprochen von Susanne Billig